Wolf Buchinger

Autor¦Musiker¦Coach¦Moderator

 

Es ist kurz nach zwei Uhr nachts im Kantonsspital, 9. Stock. Nur im letzten Zimmer röchelt ununterbrochen der Motorradfahrer, der mit 170 km/h in die Linkskurve gerast ist. Erst jetzt ist es genügend still, dass sich die Viren und Bakterien frei und ungefährdet Ausgang gönnen. Aus jahrelanger Erfahrung springt der alte Staphylococcus auf die nahe Türklinke, denn hier ist immer etwas los…

«Hallo, wir sind uns noch nie begegnet, du siehst so ganz anders aus als wir, wie darf ich dich ansprechen?»
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Zugegeben, wir alle haben einen anderen Ausgang erwartet, weil wir Europäer sind und Politik für uns etwas Würdiges darstellt. Das Wort Demokratie löst bei uns ein erhabenes Gefühl aus, das wir unter allen Umständen bewahren wollen.

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Kubaner schreien ihren Frust mit «Vaterland oder Tod!» martialisch aus ihren Seelen. Deutsche blähen ihre Bierbäuche auf und traktieren ihre Trillerpfeifen – bis sie alle rote Köpfe haben. Franzosen skandieren hochemotional ihr Recht auf Freiheit, Brüderlichkeit sowie Gleichheit.

Die Nordkoreaner fallen in Ohnmacht, wenn sie ihren fetten Führer nur schon von Weitem sehen, und US-Amerikaner kreischen ihre politischen Gegner einfach nieder. Alle haben eines gemeinsam: Ihre Proteste sind zeitlich begrenzt.

Nicht so bei uns. Hier wird immer und überall auf eine ganz spezielle Art und Weise indivi­duell das Wutbürgertum ausgedrückt: «Huere Politiker! Huere Wetter! Huere SRG!» Der Deutschschweizer hört es kaum noch und lässt sich schon gar nicht davon beeindrucken, dass der Ursprung des Wortes auf «Prostituierte oder gefallene Frau» zurückgeht. Ein adäquates Wort für Männer gibt es übrigens nicht. «Huere» mag den meisten Einheimischen als harmloser Kraftausdruck erscheinen – doch schwingt da nicht dennoch was mit?

Der deutschkundige Ausländer erschrickt jedenfalls oft über die un­flätige Ausdrucksweise der ansons­ten doch so braven Eidgenossen, denn schlichtweg alles kann mit «huere» aufaddiert werden. Am Morgen ist es huerekalt, der Kaffee ist huereheiss, die Zeitung ist huerelangweilig, der Job huereschlecht, das Mittagessen huereteuer. Im günstigsten Fall kann man diese Angewohnheit erklären mit einer Verstärkung des drauffolgenden Wortes, aber bei so viel «huere» am Tag bleibt doch ein sehr unzufriedener Eindruck von einem ganzen Volk. Selbst wenn die Schweizer positiv denken, wirkt «hueregut» negativ, und wenn sie dann noch damit personalisieren, wird es schlicht peinlich: Der «huere Bundesrat» oder die «huere Bundespräsidentin» passen nicht in das seriöse Bild unseres Landes. Und wenn Senioren sich jung geben, finden sie das Internet «hueregeil». Walliser nimmt man nicht mehr ganz ernst, wenn sie «hüäregüät» von sich geben; von der gewollten Aussage, dass etwas wirklich gut ist, bleibt eine kaum zu definierende Wirkung, als würden sie das Gute in Babysprache herabmindern.

Und so wird in der Schweiz in allen Altersstufen weiter leise und konsequent die Unzufriedenheit in allen Belangen Tag und Nacht dokumentiert. Nichts ist wirklich gut, nichts ist ohne Abstrich perfekt, nichts kann uneingeschränkt gelobt werden. Unzufriedenheit auf der ganzen Linie. Also gibt es vielleicht doch einen Zusammenhang mit der Herkunft des Wortes (zur Erinnerung: «gefallene Frau»)? Dann wäre es «ein gefallenes Volk»? Ist diese Kombination nicht … saugut?

(Wolf Buchinger/Nebelspalter)

Quelle: http://www.nebelspalter.ch/Wir+sind+die+besten+Wutbuerger+der+Welt/698881/detail.htm